Ausbildungsstress in Coronazeiten

Nachricht Hannover, 02. März 2021

Als Seifollah A. 2015 aus Afghanistan nach Deutschland kam, war er 15 Jahre alt und konnte kaum lesen und schreiben.  Zwei Jahre später begann er in Hannover eine dreieinhalbjährige Ausbildung zum Karosserie- und Fahrzeugbaumechaniker. „Den Lernstoff aufzuholen, war für mich echt schwer“, sagt Seifollah, heute ein junger Mann mit dunklem Wuschelkopf und freundlichem Lächeln. Seifollah hat Hilfe gefunden im Projekt „PonteAzubis – Brücken in den Arbeitsmarkt“. Sein Pate Peter Rudolph, ein Berufsschullehrer im Ruhestand, Fachmann im Metallbau passte perfekt zu ihm und begleitete Seifollah durch die Ausbildung.

Die Pandemie habe ihn kalt erwischt, sagt Seifollah. Seine Berufsschule verkürzte den sogenannten Blockunterricht. Er, der zum Lernen sowieso länger als andere in seiner Klasse brauchte, musste nun den Stoff in der Hälfte der vorgesehenen Zeit schaffen. Im Heimunterricht fehlte ihm gleichzeitig der persönliche Kontakt zu den Lehrkräften. Mit Freunden zusammen lernen, fiel aus. „Das hat mich unter großen Stress gesetzt.“ Zum Glück war sein Pate besonders in Vorbereitung auf die Abschlussprüfung zweimal oder dreimal in der Woche für ihn da und übte die Fachaufgaben mit ihm. „Das war meine Rettung“, sagt Seifollah.

Seit dem Beginn der Pandemie fordert Projektleiterin Waltraud Kämper, Referentin im Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt mehr Entgegenkommen für Auszubildende. Sie ruft die Kammern auf, die in vielerlei Hinsicht erschwerte Lage zu berücksichtigen und dafür neue, pragmatische Lösungen zu finden. Beispielsweise könnte den wegen Corona sowieso sehr unter Druck stehenden Azubis etwas Luft verschafft werden, in dem ihnen mehr Zeit in den Prüfungen gelassen wird. „Das tut niemandem weh, nimmt aber etwas von dem enormen Stress raus, unter dem Azubis und insbesondere Geflüchtete derzeit stehen.“ Die bisherigen Hilfsangebote reichten in Corona-Zeiten längst nicht mehr aus, sagt Kämper: „Man kann ein noch nie dagewesenes Problem wie Corona nicht nur damit bekämpfen, auf gewohnten Regeln zu bestehen.“


Jiana K. stimmt zu. Die 26-Jährige aus Syrien wollte im vergangenen Jahr ihre Ausbildung zur Sozialassistentin abschließen. Die Kitas waren aber geschlossen. Jiana musste auch den praxisbezogenen Teil ihrer Prüfung nur theoretisch, als Gedankenexperiment, lösen. Hätte sie wenigstens eigene Kinder gehabt, wäre die Aufgaben vielleicht einfacher gewesen, meint sie. Sie hätte dann mit ihren Kindern geübt. Jiana ist aber ledig und kinderlos. „Ich musste mir ja alles nur vorstellen. Das war eine stressige Zeit.“

Die Schulleiterin in Ruhestand Marlene Wolter sagt, ohne Unterstützung sei die Ausbildung für Geflüchtete besonders aktuell kaum zu schaffen. Die 74-Jährige begleitet seit mehr als sechs Jahren junge Menschen dabei ehrenamtlich. Schon die Prüfungsfragen seien in Behördensprech formuliert und für Laien oft unverständlich, kritisiert Wolter, die früher auch in der Schulsaufsicht tätig war. Die Multiple-Choice-Aufgaben ließen zudem keinen Raum für eigene Erläuterungen. „Selbst Muttersprachler schneiden dabei schlecht ab.“


Sowohl Jiana als auch Seifollah mussten sich unterdessen um eine weitere Hürde kümmern: ihren Aufenthaltstitel. Kurz vor seinem 21. Geburtstag, ein paar Tage vor Weihnachten, wurde Seifollahs Asylverfahren neu aufgerollt. Die Pandemie trieb den bürokratischen Aufwand auf die Spitze – dabei stand Seifollah seine Gesellenprüfung bevor. „Daran bin ich fast verzweifelt“, sagt er. „Ich wusste nicht, wann ich noch lernen sollte.“

Die Hauptsorge der Kammern gelte ihren Regeln, beklagt Kämper: „Wo bleibt ihre Fürsorge für Azubis in diesen verunsichernden Zeiten? Kleine Betriebe kämpfen jetzt um’s Überleben, da bleibt oft keine Energie, um fehlenden Berufsschulunterricht auszugleichen.“ Günter Hirth, Abteilungsleiter der Berufsbildung der IHK Hannover, räumt ein, dass Geflüchtete von der Corona-Krise im besonderen Maße betroffen seien.
 
„Der Zugang zu Sprachkursen und Beratungen ist eingeschränkt und gerade die Dienstleistungsbranchen wie des Gastgewerbe oder die Zeitarbeit, die Geflüchtete in der Vergangenheit vermehrt aufgenommen haben, leiden stark unter den Folgen der Corona-Pandemie.“ Hirth setzt auf die Unterstützung der Betriebe: „Insbesondere im Rahmen der Prüfungsvorbereitung werden Betriebe immer wieder selbst aktiv oder nutzen vorhandene Angebote.“
 
Seifollahs Betrieb, ein Unternehmen mit rund 20 Beschäftigten, konnte dies nicht leisten. „Aber immerhin wollten sie mich nach der Ausbildung übernehmen.“ Die Firma hatte dies schriftlich erklärt. Für das Bleiberecht ist eine Arbeitsstelle entscheidend.  Er bestand am Ende seine Ausbildung. „Als ich meinen Namen gehört habe, kamen mir die Tränen“, sagt er. Doch trotz der harten Arbeit gab es für ihn im Anschluss keine Stelle - der Betrieb war wegen der Pandemie in Kurzarbeit. Jetzt bleiben Seifollah nur noch vier Monate Zeit, um eine neue Arbeitsstelle zu finden, bevor sein Visum abläuft. „Aber wie soll das in Corona-Zeiten gehen?“

In Anlehnung an Text von Cristina Marina