Diamanten erkennen - ein zweiter Blick lohnt sich

Nachricht Hannover, 16. Januar 2019

Es ist 2019 und die PonteAzubis haben noch zwei Wochen um eine Einstiegsqualifizierung zu beginnen. Deshalb kümmere ich mich diesen Monat intensiv u.a. um zwei unserer Azubis, die eine Ausbildung als IT-Fachinformatiker suchen. Ich frage Firmen, ob sie offen sind, die beiden einzuladen. Am Telefon sind die Personaler*innen meist sehr freundlich, höflich und interessiert. Und sagen mir dann, dass ihre Bewerber am besten schon eigene Apps entwickelt und Websites erstellt haben und mindestens eine Programmiersprache beherrschen sollen.

Ist das eine realistische Anforderung für jemanden mit Fluchtgeschichte?  Ist es nicht vielmehr erstrebenswert abzurücken von rein formalen Auswahlkriterien und stattdessen den ganzen Menschen zu betrachten? Klar müssen Unternehmen wirtschaftlich sein. Klar wollen sie die bestmöglichen Mitarbeiter haben. Aber sind die bestmöglichen Mitarbeiter nur diejenigen mit dem geraden Lebenslauf, diejenigen, die in ihrer Jugend in Deutschland tagelang am Computer getüftelt haben? Ein zweiter Blick lohnt sich für beide Seiten.

Ich selbst habe auch von diesem zweiten Blick profitiert. Bis zum Master hatte ich einen geraden Lebenslauf, aber danach habe ich mir Zeit genommen, um Verschiedenes auszuprobieren: Ich habe Sprachen unterrichtet, mich für Geflüchtete engagiert, eine Ausbildung als Yogalehrerin gemacht, meditiert, habe in anderen Ländern gearbeitet und bin gereist. Verschiedenes, das mich als ganze Person hat wachsen lassen und mir eine Orientierung gegeben haben, wie ich arbeiten und leben möchte.

Für viele Personaler*innen wäre ich wegen dieser ‚Lücke‘ im Lebenslauf vielleicht nur ein Stein am Wegesrand gewesen. Aber bei PonteAzubis hat sich jemand die Mühe gemacht, einen zweiten Blick auf mich zu werfen, mich trotz meines „krummen“ Lebenslaufs persönlich kennenzulernen. Meine Kollegin sagt: „Ich selbst habe am Anfang meines Berufslebens Vorschussvertrauen bekommen: Man hat mir zugetraut ein Diamant zu sein. Das wollte ich weitergeben, denn bei mir hat es sich gelohnt und bei Kathrin auch“.

Die Azubis, die wir im Projekt haben, schätzen wir nicht nur als zuverlässige und motivierte Menschen. Sie haben auch Durchhaltevermögen, Flexibilität und Mut bewiesen: Während der Flucht und seit sie in Deutschland sind, haben viele gelernt, auf sich ständig ändernde Anforderungen einzugehen, mit Misserfolgen umzugehen und sich durch sie nicht von ihrem Ziel abbringen zu lassen.

Mohammed hat die Schule vor seinem Abitur verlassen müssen und hat in Istanbul als IT-Fachverkäufer und Stadtführer gearbeitet, wo er seine Fremdsprachenkenntnisse (Arabisch und Englisch) einsetzen konnte. In Deutschland hat er intensiv Deutsch gelernt und dann Weiterbildungen im IT-Bereich gemacht. Er hat es geschafft, sich ein Unterstützungssystem in Deutschland aufzubauen und hat es ausgehalten, dass die deutsche Bürokratie sowie zahlreiche unbeantwortete oder letztlich erfolglose Bewerbungsgespräche ihn nicht entmutigen und bewirbt sich weiter.

Und Hassan, der in Kabul schon einen Bachelor in Mathematik erlangt hat, lässt sich von seinem langen Asylprozess nicht abhalten, seine IT-Kenntnisse zu erweitern und deutsche Unternehmen kennenzulernen. So hat er ein Praktikum in einem Ingenieursbüro in der IT-Abteilung gemacht und bewirbt sich fleißig für einen Ausbildungsplatz als Fachinformatiker und  Bürokaufmann. Damit zeigt auch er Flexibilität und gleichzeitig Zielstrebigkeit. Er möchte sich und seine Fähigkeiten einbringen.

Gerade dynamische Zukunftsbranchen wie IT würden von solchen Querdenkern und Lebenskünstlern profitieren. Nur Mut, Personaler*innen. Wagen Sie einen zweiten Blick, erkennen Sie die zukünftigen Diamanten ‚am Wegesrand‘